Mit der Diakonie auf Tour

Der ganz normale Pflegealltag: Bei Klientin Anita Langhanke (85) in Hörste misst Gabriele Kröger im Beisein von Friederike Hegemann den Blutdruck. Bild: Diakonie im Kirchenkreis Halle

Beim Türwahlkampf ist Friederike Hegemann es gewohnt, den Menschen viel über sich zu erzählen und für ihre Partei zu werben. Bei den ganz anderen Hausbesuchen, die die Bürgermeisterkandidatin der Haller Grünen nun absolvierte, ging es aber mehr ums Zuhören. Eine Schicht lang fuhr Hegemann im Ambulanten Dienst der Diakonie Halle mit, um selbst einmal zu erleben, wie es um die Pflege bestellt ist.

„Es gab viele gute Gespräche, mit unseren Kunden und zwischen uns “, berichtet Pflegefachkraft Gabriele Kröger am Ende der Tour durch Hörste, Bokel und Kölkebeck, die beide gemeinsam unternahmen. Vom Stützstrümpfe anziehen über Diabeteskontrolle bis zur Grundpflege reichte die Bandbreite. „Es hat mir viel Spaß gemacht, aber mir auch vor Augen geführt, wie endlich alles ist und wie wichtig Berufe in der Pflege sind, um unsere Gesellschaft zusammen zu halten“, sagt Friederike Hegemann nach ihrer Visitation im Gespräch mit Diakonie-Vorstand Andreas Riedel und dem Leiter der Diakoniestation Halle, Bastian Hlawatsch. Dabei steht vor allem die Frage „Was wünscht ihr euch, was braucht ihr?“ im Zentrum – was kann Politik machen, um die Träger der Pflegeeinrichtungen in Halle zu unterstützen?

Gemeinsam mit Bürgermeisterkandidatin Friederike Hegemann (2. von links) diskutierten über Einsamkeit, Pflegekassen, bezahlbaren Wohnraum und Ausbildungsinitiativen (von links) Pflegefachkraft Gabriele Kröger, Vorstand Andreas Riedel und Pflegedienstleitung Bastian Hlawatsch. Bild: Diakonie im Kirchenkreis Halle

Mehr Öffentlichkeit ist Bastian Hlawatsch wichtig, eine bessere Sichtbarkeit der Pflegeangebote in der Stadt und eine bessere Vernetzung zwischen den Akteuren. An diesem Thema ist Friederike Hegemann schon dran, es gibt bereits eine Idee, Angebote der Stadt, der Vereine und Träger wie der Diakonie zu bündeln, durch so genannte Seniorenlotsen. Die sollen als „Kümmerer“ pro aktiv Sozialarbeit leisten und auf die Menschen zugehen. „In Verl gibt es zum Beispiel dazu schon erfolgreiche Projekte, so etwas kann ich mir bei uns auch unbürokratisch gut vorstellen. Ich bin selbst kein Verwaltungsmensch, aber ich bin jemand, der alle zusammenbringt“, sagt die nicht nur bei den Grünen, sondern auch in der Interessengemeinschaft Künsebecker Bürger und im Sportverein sowie in der Kirchengemeinde aktive Ehrenamtliche. Für die Seniorenlotsen könne sie sich aber durchaus eine bezahlte Stelle vorstellen, die dann wiederum alle an einen Tisch bringt.

Auch die Diakonie im Kirchenkreis Halle ist gerade an diesem Themengebiet dran, verrät Andreas Riedel, man wolle eine Stelle zur Ehrenamtskoordination einrichten. Aber auch die, sagt der Vorstand, könne nicht die fehlenden Fachkräfte kompensieren. „In den nächsten fünf Jahren werden rund 20 Prozent unserer Mitarbeitenden in Rente gehen und es kommen nicht genug Kräfte nach. Deswegen würden wir uns da Unterstützung wünschen“. Gerade für Auszubildende sei es schwer in Halle bezahlbaren Wohnraum zu finden, oft haben diese ihren Lebensmittelpunkt in einer der größeren Städte in der Umgebung und verlassen Halle nach ihrem Abschluss. Halle attraktiver zu machen, hält Riedel deshalb für wichtig, zum Beispiel mit einem Wohncampus für Auszubildende der Haller Unternehmen, der in Kooperation mit der Stadt eingerichtet werden könnte.

Diakonie-Vorstand Andreas Riedel begrüßt Friederike Hegemann in der Diakoniestation Halle zur Visitation. Bild: Diakonie im Kirchenkreis Halle

Aber auch Mehrgenerationenhäuser sind ein wichtiger Baustein, um der Einsamkeit, die viele Diakonie-Mitarbeitende bei ihren Klienten sehen, entgegenzuwirken. „Die ‚Alten‘ gehören zur Gesellschaft dazu, deswegen müssen wir sie aktiv einbinden ins Geschehen“, sagt Pflegefachkraft Gabriele Kröger, die manchmal bei ihren Hausbesuchen der einzige Kontakt für die zu Pflegenden ist. Damit rennt die 62-Jährige bei Friederike Hegemann offene Türen ein, als Wohnberaterin für pflegerelevante Umbaumaßnahmen kennt sie selbst solche Schicksale aus erster Hand. „Im neuen Baugebiet Masch werden wir eine bessere Durchmischung der Generationen haben, aber in diesem Bereich bleibt noch mehr zu tun“. Deswegen möchte Hegemann auch einen „Zukunftsrat“ bei der Stadt etablieren, in dem engagierte Menschen aller Generationen, Ethnien und Hintergründe Visionen für Halle entwickeln können. Gabriele Kröger wäre sofort dabei – allein dafür hat sich das frühe Aufstehen schon gelohnt. „6:30 Uhr Arbeitsbeginn ist nicht meine Zeit“, sagt Hegemann lachend, „aber um zu sehen, wie wichtig diese Aufgabe ist und zu hören, was die Menschen in der Pflege bewegt, mache ich das gerne.“

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